Kaum ein Begriff prägt die Diskussion rund um Recruiting derzeit stärker als der Fachkräftemangel. Unternehmen sprechen darüber, Verbände warnen davor und Medien greifen das Thema regelmäßig auf. Wer den öffentlichen Debatten folgt, könnte leicht zu dem Eindruck gelangen, dass offene Stellen vor allem deshalb unbesetzt bleiben, weil es schlicht keine geeigneten Kandidaten mehr gibt.
Doch genau an dieser Stelle lohnt sich ein genauerer Blick.
Natürlich gibt es Branchen, Regionen und Berufsgruppen, in denen qualifizierte Fachkräfte knapp sind. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Gleichzeitig beobachten wir jedoch seit Jahren einen anderen Effekt, der deutlich häufiger auftritt, als viele Arbeitgeber vermuten. Zahlreiche Stellen bleiben nicht deshalb unbesetzt, weil es keine passenden Kandidaten gibt. Sie bleiben unbesetzt, weil die richtigen Menschen die Stellenanzeige nie sehen.
Das klingt zunächst provokant. Tatsächlich ist es jedoch eine Frage der Perspektive. Viele Unternehmen betrachten Recruiting noch immer aus der Sicht der Veröffentlichung. Die Stellenanzeige ist online, die Anzeige wurde geschaltet und die Ausschreibung ist sichtbar. Damit scheint die Aufgabe zunächst erledigt.
Für Bewerber beginnt der Prozess jedoch an einer völlig anderen Stelle.
Menschen verbringen ihren Alltag nicht auf Jobbörsen. Sie sitzen nicht morgens beim Frühstück und durchsuchen zehn Karriereportale nach neuen Möglichkeiten. Die meisten Arbeitnehmer sind beschäftigt, eingebunden und oftmals gar nicht aktiv auf Jobsuche. Gleichzeitig sind viele von ihnen durchaus offen für einen Wechsel, wenn sich die richtige Gelegenheit ergibt.
Genau hier entsteht die eigentliche Herausforderung moderner Personalgewinnung.
Recruiting ist längst nicht mehr nur die Frage, ob eine Stelle veröffentlicht wurde. Recruiting ist die Frage, ob eine Stelle die richtigen Menschen erreicht. Zwischen diesen beiden Dingen liegt ein erheblicher Unterschied.
Viele Arbeitgeber investieren große Aufmerksamkeit in die Formulierung ihrer Stellenanzeige. Sie diskutieren Aufgaben, Anforderungen und Benefits bis ins Detail. Gleichzeitig wird häufig unterschätzt, wie entscheidend die Distribution der Anzeige für den späteren Erfolg ist. Die beste Stellenanzeige der Welt bleibt wirkungslos, wenn sie nur von wenigen Menschen gesehen wird.
Diese Entwicklung ist das Ergebnis eines veränderten Nutzerverhaltens. Noch vor einigen Jahren waren Jobbörsen häufig der erste Anlaufpunkt für Bewerber. Heute verteilen sich Aufmerksamkeit und Informationssuche auf zahlreiche Kanäle. Menschen entdecken Karrieremöglichkeiten über soziale Netzwerke, persönliche Empfehlungen, Fachcommunities, Messenger-Dienste und digitale Inhalte. Die klassische Bewerberreise ist deutlich komplexer geworden.
Deshalb greifen viele traditionelle Recruiting-Kennzahlen inzwischen zu kurz. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr ausschließlich, wie viele Bewerbungen eingegangen sind. Die spannendere Frage lautet, wie viele geeignete Kandidaten überhaupt die Chance hatten, die Stelle wahrzunehmen.
Wer Reichweite mit Sichtbarkeit verwechselt, trifft häufig falsche Entscheidungen. Eine Stellenanzeige kann technisch veröffentlicht sein und trotzdem nahezu unsichtbar bleiben. Umgekehrt kann eine Position enorme Aufmerksamkeit erzeugen, wenn sie dort erscheint, wo sich potenzielle Kandidaten tatsächlich aufhalten.
Aus unserer Sicht wird genau dieser Punkt in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Der Wettbewerb um Talente wird nicht allein über Gehälter, Benefits oder Arbeitgebermarken entschieden. Er wird zunehmend darüber entschieden, wer die Aufmerksamkeit der richtigen Menschen gewinnt.
Vielleicht sollten wir deshalb häufiger über Reichweite sprechen, wenn wir über Fachkräftemangel sprechen.
Denn bevor ein Kandidat sich bewerben kann, muss er zunächst wissen, dass es die Stelle überhaupt gibt.
Und genau daran scheitern heute mehr Besetzungen, als viele Unternehmen vermuten.