Kaum ein Satz hält sich im Recruiting so hartnäckig wie dieser: „Wir finden einfach keine passenden Bewerber mehr.“
Diese Aussage begegnet uns in Gesprächen mit Unternehmen seit Jahren. Meist folgt darauf eine Diskussion über Fachkräftemangel, steigende Gehaltsforderungen oder sinkende Bewerberzahlen. All das sind reale Herausforderungen. Trotzdem lohnt sich die Frage, ob wir damit tatsächlich die Ursache beschreiben – oder lediglich die sichtbaren Folgen.
Denn vielleicht suchen Unternehmen heute gar nicht zu wenige Bewerber. Vielleicht suchen sie an der falschen Stelle.
Über Jahrzehnte war Recruiting vergleichsweise einfach aufgebaut. Ein Unternehmen hatte eine vakante Position, veröffentlichte eine Stellenanzeige und wartete darauf, dass sich Interessierte bewarben. Dieses Modell funktionierte deshalb so gut, weil es auf einer klaren Voraussetzung beruhte: Menschen, die ihren Arbeitgeber wechseln wollten, begannen aktiv nach einem neuen Job zu suchen.
Genau diese Voraussetzung verliert jedoch zunehmend an Bedeutung.
Die meisten qualifizierten Fachkräfte verbringen ihre Freizeit nicht auf Karriereportalen. Sie gehen ihrer Arbeit nach, lesen Nachrichten, nutzen soziale Netzwerke, hören Podcasts oder beschäftigen sich mit Themen, die sie persönlich interessieren. Ein Arbeitgeberwechsel spielt in diesem Moment oft überhaupt keine Rolle. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Menschen grundsätzlich nicht offen für eine neue berufliche Perspektive wären.
Im Gegenteil.
Viele Beschäftigte fühlen sich in ihrem aktuellen Unternehmen durchaus wohl. Gleichzeitig gibt es fast immer Aspekte, die sie verändern würden: mehr Verantwortung, ein besseres Team, ein kürzerer Arbeitsweg, mehr Flexibilität oder schlicht die Chance, sich fachlich weiterzuentwickeln. Solange jedoch keine interessante Alternative sichtbar wird, bleibt der Gedanke an einen Wechsel abstrakt.
Genau hier beginnt ein Perspektivwechsel, der Recruiting in den kommenden Jahren nachhaltig verändern wird.
Wir sprechen häufig von „passiven Bewerbern“. Tatsächlich ist dieser Begriff irreführend. Menschen sind nicht passiv. Sie leben ihr Leben. Sie sind Eltern, Führungskräfte, Handwerker, Entwickler oder Vertriebsmitarbeiter. Sie erledigen ihre Arbeit, verbringen Zeit mit Familie und Freunden und beschäftigen sich mit unzähligen Dingen – nur eben nicht permanent mit ihrer Karriere.
Erst wenn sie auf eine Gelegenheit stoßen, die besser zu ihrem Leben passt als ihre aktuelle Situation, entsteht überhaupt der Gedanke an einen Wechsel. Die Bewerbung ist also nicht der Ausgangspunkt der Veränderung. Sie ist deren Ergebnis.
Damit verändert sich auch die Aufgabe des Recruitings. Es reicht längst nicht mehr aus, ausschließlich dort präsent zu sein, wo Menschen aktiv nach Stellen suchen. Erfolgreiche Personalgewinnung beginnt heute deutlich früher – nämlich in dem Moment, in dem Aufmerksamkeit entsteht.
Deshalb gewinnt Reichweite eine völlig neue Bedeutung. Nicht, weil möglichst viele Menschen eine Stellenanzeige sehen sollen, sondern weil die Wahrscheinlichkeit steigt, genau jene Personen zu erreichen, die sich bislang noch gar nicht mit einem Arbeitgeberwechsel beschäftigt haben. Recruiting entwickelt sich damit zunehmend von einer Suchlogik zu einer Entdeckungslogik.
Für Unternehmen bedeutet das einen grundlegenden Perspektivwechsel. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Wie finden Bewerber unsere Stellenanzeige? Die spannendere Frage lautet: Wie wahrscheinlich ist es, dass die richtigen Menschen überhaupt auf uns aufmerksam werden?
Diese Entwicklung wird durch künstliche Intelligenz, soziale Netzwerke und neue Formen digitaler Informationssuche zusätzlich beschleunigt. Menschen entdecken heute Produkte, Dienstleistungen und Informationen oft zufällig – weil sie ihnen im richtigen Moment begegnen. Warum sollte ausgerechnet Recruiting dauerhaft nach anderen Regeln funktionieren?
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, ausschließlich von Bewerbern zu sprechen.
Am Anfang jeder erfolgreichen Einstellung steht kein Bewerber.
Am Anfang steht ein Mensch, der plötzlich erkennt, dass es auch anders gehen könnte.